O Magnum Mysterium

Zu den Werken

Begonnen wird der Abend mit einer Improvisation des Chores über einen Choral von Johann Sebastian Bach, die Sänger*innen „improvisieren“ hierbei nach bestimmten Mustern, die der Dirigent ihnen vorgibt. Es folgt das von dem aus Prag stammenden Barock-Komponisten Zelenka 1738 für den Dresdner Hof vertonte „Miserere“, ein alter Psalmtext, in dem der Mensch Gott darum bittet, gnädig zu sein und ihm seine Sünden zu vergeben. Der ernste, eher schwermütige Charakter des Psalms wird von Zelenka in seiner Vertonung für Solo-Sopran, gemischten Chor und Orchester (2 Oboen, Streicher, Continuo) auch musikalisch zum Ausdruck gebracht.

 
Programm
 
Jan Dismas Zelenka
(1679-1745)
  Miserere ZWV 57
für Chor und Orchester
 
Johan Sebastian Bach
(1685-1750)
  Kantate Ich armer Mensch,
ich Sündenknecht BWV 55
 
Jaakko Mäntyjärvi
(*1963)
  O Magnum Mysterium
 
Jan Dismas Zelenka   Magnificat in D-Dur ZWV 108
 
Johan Sebastian Bach   Sinfonia zu einer unbekannten
Kantate BWV 1045
 
Ola Gjeilo
(*1978)
  O Magnum Mysterium
 
Johan Sebastian Bach   Gloria BWV 191
 
 

Das Motiv von Schuld und Sünde bestimmt auch in der nachfolgenden Kantate von J. S. Bach die Inhaltsebene.
„Er ist gerecht, ich ungerecht.
Ich armer Mensch, ich Sündenknecht!
heißt es in der Tenor-Arie zu Beginn des Werks. Der zugrunde liegende Text veranschaulicht wiederum die zu Lebzeiten Bachs und teils auch heute noch im Christentum bestehende Vorstellung vom sündhaften, schlechten Mensch und dem gerechten Herrscher, Gott, welcher den Gläubigen ihre Schulden schlussendlich aber vergeben wird. Denn:
„Ich verleugne nicht die Schuld
Aber deine Gnad und Huld 
Ist viel größer als die Sünde,
Die ich stets bei mir befinde“,
wie die Kantate mit dem Schlusschor endet.

Das nächste Chorwerk stammt vom finnischen Komponisten Jaakko Mäntyjärvi (geb. 1963). Er vertont das „O Magnum Mysterium“ („O großes Geheimnis“), ein geistlicher Text in Latein, welcher traditionell im nächtlichen Stundengebet zum Weihnachtsfest rezitiert wird. Als Geheimnis wird hier die Geburt Christi beschrieben, geboren von einer Jungfrau und in der Krippe im Stall liegend. Den Stil von Mäntyjärvis Chorwerken kann man als gemäßigt modern bezeichnen, bezeichnend für dieses Stück ist sein andächtiger, meditativer Charakter.

Nach dem reinen Chorwerk folgt wieder eine Komposition für Solo-Sopran, Solo-Alt, Chor und barocke Orchesterbesetzung: Das „Magnificat“ von Jan Dismas Zelenka. Mit dem lateinischen Lobgesang, welcher in der Darstellung des Lukasevangeliums auf die Gottesmutter Maria zurückgeht, verlassen wir als Zuhörer die Thematik um den sündigen Menschen; hier geht es um die Lobpreisung Gottes und die Freude über die Ankunft seines Sohnes auf Erden. Zelenkas Vertonung ist, im Gegensatz etwa zum „Magnificat“ des Zeitgenossen Bach, eher einfach gehalten, so verwendet er zum Beispiel keine Blechblasinstrumente. Dennoch wird der „freudige Advent“ im festlichen D-Dur eindeutig hörbar.

Das folgende Instrumentalwerk von J. S. Bach, als „Sinfonia“ bezeichnet, stammt vermutlich aus einer unbekannten bzw. verschollenen Kantate des Komponisten. Es ist lediglich als Fragment erhalten, die zwei Schlusstakte stammen dabei nicht von Bach selbst, sondern wurden nachträglich hinzugefügt, um das Stück bis zum Schluss aufführen zu können. Anders als Zelenka besetzt Bach in seiner „Sinfonia“ neben einer Solo-Violine, Holzbläsern und Streichern außerdem Pauken und drei Trompeten, welche der Komposition einen besonders majestätischen Charakter verleihen.

Ola Gjeilo, der zweite zeitgenössische Komponist des Abends, wurde 1978 in Norwegen geboren und vertonte, wie Mäntyjärvi, das „O Magnum Mysterium“ als Chorwerk. Außerdem wird der Gesang von einem Violoncello solistisch begleitet.

Den Abschluss der „Bach-Vesper“ bildet das als Weihnachtskantate vertonte „Gloria in excelsis Deo“ („Ehre sei Gott in der Höhe“). Ihr Inhalt bezieht sich, wie schon das „Magnificat“, auf die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium. Mit festlicher, großer Orchesterbesetzung (ebenfalls mit Pauken und drei Trompeten), zwei Vokalsolisten und fünfstimmigem Chorsatz macht das Werk die heute vorherrschende freudige Haltung im Hinblick auf das kommende Weihnachtsfest in der barocken Komposition mit vollen Klängen spürbar.

Jonathan Rupprecht